Literatur-Kurse und -Seminare in Hannover von Gundel Simon-Ern
  Kurse an der Leibniz-Universität Hannover im GHS-Studiengang


WINTER SEMESTER  2017 / 18


Ein und derselbe Kleist

Heinrich von (1777-1811), hat zwei Frauengestalten geschaffen, die auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein können:
Die Marquise von O in einem großartigen Bekenntnis zu Sitte und Scham und Penthesilea , eine Tragödin, in der sich der Furor weiblicher Emotionen mit Wucht Bahn bricht: ein verklärendes Kammerspiel auf der einen, „ein genialisches Ärgernis“ auf der anderen Seite.
Grenzverletzungen hier wie dort, die nicht ertragen werden können. Das aber macht die Modernität Kleists aus, das Zusammenfallen von Gegensätzen als Gesetz: immer steht etwas zur Entscheidung an.
„Der ganze Schmutz zugleich und Glanz meiner Seele“, so beschreibt der Autor selbst die beiden korrespondierenden Räume, in denen den erlebten Zumutungen nur begegnet werden kann, indem die Realität geleugnet und die Illusion siegen darf. Beide Frauenfiguren sehen sich mit dem schlechterdings nicht Fassbaren konfrontiert, weil in unserer artikulierten Welt auch immer etwas anderes, Unartikuliertes stattfindet. Diesem aber Sprache zu verleihen macht die Genialität Kleists aus.


Donnerstag 14.00  - 16.00 Uhr
Raum 105, Schlosswender Straße 1

2. 11, / 9. 11. / 16. 11. / 23. 11. / 30. 11. / 7. 12. / 14. 12. 2017
18. 1. / 25. 1. 2018




SOMMERSEMESTER  2018


„... und habe Begierden wie ein Mann“

Auch das ist eine Stimme aus der Romantik: Karoline von Günderrode – eine Gegenstimme etwa zum Gesang der Lorelei (übrigens von Clemens Brentano).
Dissonanzen: alles andere als romantische Idylle. Und die kann es auch nicht geben in Zeiten, in denen Napoleon die Rheinlande besetzt hält, während Bettine Brentano ihre Freunde in Winkel am Rhein zu ausgelassenen Soiréen empfängt. Und Kleist todessüchtig dem französischen Feind entgegenreitet, während das Stiftfräulein Karoline von Günderrode Männerträume schmiedet: lyrische und tatsächliche. Eine revolutionäre Zeit: ein Aufbruch in ein neues Denken steht an; ein neues, freieres Gefühlsleben wird ersehnt, eines, das die Geschlechter-Zuordnungen überwinden will und sich doch ständig den engen Grenzen der Konvention anbequemen muss.
Kein Ort. Nirgends ein Raum in Sicht, in dem sich solche Visionen leben ließen. Und so versammelt Christa Wolf ihre Romantiker in den engen Stuben des Brentano’schen Guts in Winkel am Rhein: dort darf das jeweilige Utopia wenigstens Diskussionsstoff unter Freunden sein.

Textgrundlage: Christa Wolf „Kein Ort. Nirgends“, Roman 1979


Unter dem Titel  Rhein-Romantik  werden wir in der Pfingstwoche eine Exkursion zu den genannten Orten anbieten. Weitere Stationen: die Pfalz bei Kaub, Burg Rheinstein, Assmannshausen und eine Fahrt mit der KD-Flotte den Rhein aufwärts.
Anmeldung ab sofort.